Wer's glaubt, wird selig -
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kommt auch in den Himmel
Volksmund

Die stehengebliebenen Uhren

Ich werde euch jetzt etwas erzählen, das ein bisserl komisch und unglaublich klingt und wo ich selbst nicht genau weiß, ob ich dran glauben soll oder nicht. Der Anlass ist zwar traurig, aber mich verleitet die Wahrnehmung dieser Ereignisse immer zum Grinsen.

Die Geschichte begann eigentlich mit meiner Oma und da die meisten Leute, die das lesen werden, meine Oma nicht kannten, muß ich ein bisserl ausholen und über sie erzählen.
Sie hieß Helene, wurde am 11. Februar 1903 im Sternzeichen Wassermann geboren. Sie war ein typischer Vertreter dieses Zeichens und wenn ich die Charakterbeschreibungen dazu lese, dann ersteht meine Oma leibhaftig vor meinem geistigen Auge. Eine dieser Charaktereigenschaften ist die Neigung zum Okkultismus, doch sie war deshalb nicht realitätsfremd und freute sich spitzbübisch, wenn sich eine ihrer unglaublichen Vorahnungen bewahrheitet hatte.

Ich bin also seit frühester Jugend mit diesen Vorkommnissen konfrontiert worden, da ich sozusagen ein "Oma-Mädi" war. Sie schleppte mich überall hin, nahm mich auf ihre Besuchsreisen mit und erzählte mir viele "wunderbare" Geschichten im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine ihrer "wunderbaren" Erklärungen betraf stehengebliebene Uhren. Sie behauptete, daß ein lieber Mensch gestorben ist und sich von ihr verabschiedet hat, indem er die Zeiger der Uhr anhielt. Ich habs ja noch nicht so verstanden, weil ich noch zu klein war, aber die Erwachsenen belächelten natürlich diese Vorkommnisse. "Hat sie halt vergessen, die Uhr aufzuziehen", war meist der Kommentar dazu. Als ich älter wurde und die Uhren mit Batterien zum Ticken gebracht wurden, war ebendiese leer geworden, wenn der "Prater" stehenblieb.

Aber irgendwann war ich mir nicht mehr sicher, ob sie vielleicht doch rechthaben könnte. Es traf meistens ein Partezettel oder ein trauriger Brief bei meiner Oma ein.

Zufall oder nicht, Tatsache ist jedenfalls, daß es viele Jahre später einige Vorfälle gegeben hat, die für mich bis heute unerklärlich sind. Meine Oma hat ja sehr schlecht gesehen, sie war fast blind, kann man sagen. Deshalb benutzte sie einen Wecker mit großen Leuchtziffern und Zeigern.

Omas Wecker Sie rief mich eines Tages an und sagte: "Du, Heidi, meine Weckeruhr steht!. In Erwartung einer weiteren wunderlichen Todesfalltheorie schaltete ich geistig auf Sparflamme und setzte mich gemütlich hin. - Das Gespräch könnte jetzt länger dauern. Sie sagte aber: "Ich glaube, die Batterie ist leer und wir haben doch einen Termin beim Augenarzt nächste Woche. Ich möchte mich nicht verschlafen. (Sie schlief nämlich gerne lange) Du mußt vorbeikommen und mir eine neue Batterie einsetzen."

Aha, denk ich mir, sie unterscheidet also doch zwischen Todesfallvorahnung und leerer Batterie, wie auch immer sie das macht. Ich kaufe eine neue Batterie, fahre zu ihr und setz sie in die Weckeruhr ein. Passt und funktioniert wieder....

Am nächsten Tag ruft meine Oma wieder an. "Heidi, stell dir vor, meine Weckeruhr ist vom Kasten runtergesprungen!" - Was, sag ich lachend, die kann doch nicht vom Kasten runterspringen. "Ja, sagt sie, ich bin beim Tisch gesessen und hab Karten gespielt (Sie legte immer Patiencen) und aufeinmal machts einen Rumpler. Ich bin nachschauen gegangen was das war, und bin dann mit dem Fuß an meine Weckeruhr gestossen. Die ist nämlich am Boden gelegen. Da wird doch hoffentlich nix passiert sein, ich hab ganz ein dummes Gefühl!"

Naja, sag ich, wahrscheinlich hast sie morgens beim Staubwischen schon runterghaut und hast es nicht bemerkt, Der Rumpler war vielleicht bei deinen Nachbarn. Geht denn die Uhr noch? - "Ja", sagt sie wenig überzeugt über meine Ausführungen und wir machen einen Zeitvergleich. Alles in Ordnung.

Zwei Tage später wieder ein aufgeregter Anruf. "Heidi, da muß etwas passiert sein, die Weckeruhr ist um halb zehn stehengeblieben. Du hast doch eine neue Batterie reingegeben. Du musst sofort kommen!" - Wenn meine Oma sagt "sofort", dann hieß das man sollte schon vor 10 Minuten da sein. Also rein ins Auto und die 10 km zu ihrer Wohnung gedüst. Wohlweislich hab ich eine neue Batterie eingesteckt.

Sie hatte recht. Die Uhr stand auf halb zehn und es war elf Uhr. Hmmm...Ich nahm die Batterie raus und gebe meine mitgebrachte Batterie rein. Die Weckeruhr steht weiterhin auf halb zehn und der Sekundenzeiger rührt sich nicht. Das kann doch nicht sein, denk ich mir, zwei neue Batterien und nix geht, da muß die Uhr hin sein. Wahrscheinlich hat sie einen Knacks gekriegt, als sie vom Kasten runtergefallen ist.

Meine Oma lamentiert währenddessen rum und geht ihre ganze Verwandtschaft, Freunde und Bekannten durch. Wer hat sich länger nicht gemeldet, wer war krank usw. Ich versuchte sie zu beruhigen, aber wenn sich meine Oma etwas in den Kopf gesetzt hatte, war das sowieso sinnlos. Also verabschiedete ich mich und wollte wieder heimfahren. Ich versprach ihr eine neue Weckeruhr zu besorgen und war schon halb aus der Tür raus, als das Telefon läutete.

Läuten ist ja ein harmloser Ausdruck für das Alarmgeräusch, das dieses Telefon verursachte. Meine Oma war ja schon ein bisschen schwerhörig und hatte dieses Ungetüm von Wählscheibenposttelefon auf die schrillste Lautstärke gedreht. Neugierig, wie ich halt nun mal bin, blieb ich zwischen Tür und Angel stehen und lauschte dem Gespräch. Sie war seit den Nachkriegsjahren mit einem Ehepaar befreundet und sie hielten auch regelmäßig Kontakt. Am Telefon war ihre Freundin und sie teilte meiner Oma mit, daß ihr Mann vor zwei Tagen von einem Auto angefahren worden war und heute um halb zehn seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Sie hat mich ihrem "Ich-hab-dirs-ja-gesagt-Blick" angeschaut und ich hab mich sehr nachdenklich von ihr verabschiedet.

Auch meine Tochter Alexandra war schon Zeuge eines unerklärlichen Vorfalls. Sie ging zweimal in der Woche zu ihr Mittagessen, als sie ihre Lehre als Zahntechnikerin unweit von der Wohnung meiner Oma begann. Die beiden sitzen einträchtig am Tisch und essen, als plötzlich ohne ersichtlichen Grund die Pendeluhr von der Wand fällt.

Ich hatte meiner Oma diese Uhr zu Weihnachten geschenkt, weil ihre Küchenuhr den Geist aufgegeben hat. Aufgehängt war sie hinter der Wohnzimmertür und den Nagel hab ich höchstpersönlich eingeschlagen. Es war niemand in der Nähe und der Nagel steckte ebenfalls noch bombenfest in der Wand, als die Uhr schon am Boden lag.

Wer diesmal betroffen war, das weiß ich nicht mehr genau. Fakt ist, dass meine Oma ein paar Tage später eine Parte bekommen hat.

Tja, und warum ich euch das alles erzählt habe, hat den folgenden Grund. Mein Mann und ich waren vom 26. Dezember 2005 bis 1. Jänner 2006 im Urlaub. Am Abend des 26sten Dezember ruft mich meine engste Jugendfreundin in Kroatien an und sagt mir, daß ihr Sohn ganz unerwartet verstorben ist. Über die näheren Umstände haben wir aber erst beim Begräbnis am 4. Jänner gesprochen und ich erfuhr, dass mein Patenkind schon am 25. Dezember gestorben ist. Am Abend, als ich mir zuhause das Totenbildchen nocheinmal anschaute, las ich die Todeszeit. 19 Uhr 30. Plötzlich fiel mir meine Oma und ihre Theorie über stehengebliebene Uhren ein. In meiner Abwesenheit im Dezember war nämlich die Wohnzimmeruhr stehengeblieben und ich hatte noch keine neue Batterie eingesetzt.

Die Kaminuhr, die ich vor ca. 30 Jahren von meiner Schwiegermutter zu Weihnachten bekommen hab, blieb um 19 Uhr 20 stehen und mein Patenkind war ebenfalls 30 Jahre alt. Schon komisch, oder?

Naja, am nächsten Tag war mein Enkel Raphael zu Besuch und er macht mich aufmerksam, daß die Pendeluhr von meiner Oma im Kinderzimmer nicht richtig geht. Er kennt zwar die Uhrzeit noch nicht, aber er hat die Stellung der Zeiger vom Wecker mit der Wanduhr verglichen. Tatsächlich, diese Uhr steht auch. Das war mir aber noch gar nicht aufgefallen.

Das hat mich dann bewogen, die Uhren zu fotografieren und diese Geschichte niederzuschreiben. Die Zeigerstellung bei der Pendeluhr fiel mir sofort auf. Wenn man nämlich, wie Kinder es gerne tun, den großen mit dem kleinen Zeiger vertauscht, ist es ebenfalls 19 Uhr 20.

Ich sage nicht, daß meine Uhren am 25. Dezember stehengeblieben sind, und ich behaupte auch nicht, daß damit die Verabschiedungstheorie von meiner Oma untermauert wird. Eines steht jedoch fest. Die Zeiger meiner Uhren bewegen sich seit Weihnachten 2005 nicht mehr.

Vielleicht hat mein Patenkind doch einen letzten Gruß dagelassen und die Zeiger angehalten???

...Ich werde jetzt ein bisschen daran glauben, weil ich es nett finde... :-)