Meine erste Fahrt nach Medulin

Meine Erlebnisse auf der ersten Reise in ein kleines Fischerdörfchen an der Südspitze  Istriens im damaligen Jugoslawien und heutigen Kroatien.

1962 war ich das erste Mal mit meiner Oma in Medulin. Dorthin zu kommen war damals eine kleine Weltreise.

Wie wir zum Abfahrtsbahnhof in Schwanenstadt gekommen sind, weiß ich heute nicht mehr. Die 3 km hat uns vielleicht ein Bekannter meiner Oma mit dem Auto gebracht, oder wir haben ein Taxi genommen. Autos waren zu damaliger Zeit noch rar. (Kann man sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen.)

Dann ging es mit einem Bummelzug nach Salzburg. Dort hieß es erst mal aussteigen und auf den Anschlußzug warten.

Meine Oma, damals schon 59 Jahre alt, hat nicht mehr sehr gut gesehen, also ernannte sie mich zu ihrem "Auge". Ich war sehr stolz darauf, trotzdem hielt mich das nicht davon ab, ihr immer wieder ein paar Streiche zu spielen.

Bei dieser ersten Fahrt hielt sich mein Forscherdrang noch in Grenzen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, alle neuen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, auf welchem Bahnsteig, früher sagte man Perron dazu, der Zug nach Jesenice abgefahren ist. Weil ich noch nicht zur Schule ging hatte meine Oma einen Zettel mit einer großen 9 gemalt und mir aufgetragen nach dieser Zahl Ausschau zu halten.

Soweit, so gut. Das Gleis war bald gefunden, jetzt mußten wir nur noch die richtigen Waggons erwischen. In Schwarzach/St. Veit wurde nämlich der Zug geteilt und fuhr in verschiedene Richtungen weiter. Ein Teil nach Innsbruck, ein Teil nach Ljubljana/Rijeka, einige Kurswagen nach Zagreb und ein Teil wieder zurück nach Salzburg.

Meine Oma hasste es in fahrenden Zügen die Waggons zu wechseln und sie hatte auch allen Grund dazu, vorsichtig zu sein. Früher gabs nämlich noch keine Schleusen, wo man gemütlich durchgeht, sondern mußte raus ins Freie, über wacklige Eisenplatten in den nächsten Waggon gehen.

Aber meine Oma legte bei manchen Dingen eine Hartnäckigkeit an den Tag, die ihresgleichen sucht.  Sobald der Fahrdienstleiter auf dem  Bahnsteig auftauchte, belegte sie ihn mit Beschlag. Sie sagte ihm bestimmt zehn Mal, wo sie hin will, daß sie schlecht sieht, ein Kind dabei hat und er ihr behilflich sein soll beim Einsteigen. Sie rückte ihm nicht mehr von der Pelle, bis wir wohlbehalten im  Kurswagen Ljubljana/Rijeka drin saßen.

Jetzt konnte es los gehen. Eine wunderschöne Fahrt durch Berglandschaften und Tunnels begann. In Schwarzach eine Stunde Aufenthalt um den Zug zu teilen und andere Waggons anzuhängen. Weiter nach Böckstein, Mallnitz und Villach. Hier gabs wieder eine längere Pause. Zollkontrolle. Aufgeregt suchten alle Reisenden ihren Pass heraus, öffneten auf Verlangen Reisetaschen und Koffer. Ich hatte schon einen eigenen Pass und durfte ihn ganz alleine dem Zollbeamten hinhalten. Ehrfürchtig selbstverständlich. (Männer in Uniformen flößen mir auch heute noch Unbehagen ein)

Die Fahrt wurde durch den Karawankentunnel fortgesetzt und in Jesenice wieder das gleiche Prozedere. Diesmal mit jugoslawischen Zöllnern, die aber noch genauer kontrollierten und jeden Pass abstempelten. Meine Oma konnte sich mit den Männern ganz normal unterhalten, ich verstand nur BAHNHOF. Sie konnte den komischen Kauderwelsch, den sie slowenisch nannte, fließend sprechen.

Je weiter wir nach Süden fuhren umso weniger deutsche Worte fielen. In Ljubljana war mir schon sehr langweilig und es wurde immer wärmer. Es dürfte Mittagszeit gewesen sein und mittlerweile waren wir schon sieben Stunden unterwegs. Laut Auskunft meiner Oma sollte es noch gut eine Stunde dauern, bis wir in Rijeka ankommen würden. Die Fahrt bis dorthin habe ich dann verschlafen.

In Rijeka angekommen ging die Strapaze erst so richtig los. Umsteigen in einen Autobus nach Opatia. In Opatia umsteigen in einen Autobus nach Pula und in Pula das letzte Mal den Bus wechseln nach Medulin. Mir wurde beim Busfahren immer schon speiübel, auch heute ist das noch so. Ich war müde, mir war heiß, mir war schlecht, die Sitzgelegenheiten im Bus bestanden aus Holzpritschen, die kurvenreiche Küstenstraße noch dazu.........

Ich war fertig mit der Welt und hab ständig in ein Nylonsackerl gekotzt. Die Leute reden wieder anders, sagen "Molim", wenn sie mir einen Apfel oder Feigen (Nachschub fürs Nylonsackerl) hinhalten. Meine Oma sagt, das ist jetzt kroatisch und ich soll "Hvala" sagen. Sie unterhält sich mit den Leuten. Kroatisch kann sie nämlich auch fließend. doch das war mir in dem Moment vollkommen egal, weil.......

....mir war soooooooooo schlecht.

Das war also meine erste Anreise nach Medulin.

Abfahrt in Schwanenstadt......................5 Uhr 

Ankunft in Medulin...................................18 Uhr