Klassentreffen

Ein großes, weißes Kuvert liegt am Küchentisch, als mein Mann und ich vom Weihnachtsurlaub heimkommen. Adressiert an Adelheid H., abgestempelt in Schwanenstadt. Ich versuche (wie immer) zu erraten, von wem die Post kommt. Die Dorli vielleicht? Nein, sie würde bestimmt nicht Adelheid schreiben. Weihnachtspost aus Schwanenstadt? Kann ich mir auch nicht vorstellen. Neugierig öffne ich den Briefumschlag. Eine Einladung zum Klassentreffen von der Hauptschule kommt zum Vorschein.

Endlich! Die Pumsti, die Heidi und der Herbert haben wieder ein Treffen organisiert, und sogar Emailadressen stehen auf der Rückseite der Einladung.  

(Ich liebe Klassentreffen und Emails)

Gestern war es dann soweit. Wer wird kommen? Kenne ich noch alle? In Gedanken lasse ich ein paar Namen meiner ehemaligen Klassenkameraden revuepassieren. Na also, keine Gefahr. Ich werde mich bestimmt noch an alle erinnern. Am Parkplatz vor dem „Schmankerl" treffe ich gleich die Christl. (Der Abend ist für mich schon gerettet) Wir betreten gemeinsam das Kellerstüberl, wohin uns beflissene Kellnerinnen, nach dem ersten „Grüß Gott", geschickt haben.

(Woran haben die das eigentlich erkannt?)

Ein paar Schulkollegen von damals sitzen schon drinnen. Die „Pumsti", der Herbert, die Barbara neben der Annemarie, die Ulli und die Heidi, die kurz darauf aufspringt, um unseren Exlehrer, den Herrn L., abzuholen.

Zwei unbekannte Herren springen auf und strecken mir mit fragendem Blick die Hand entgegen. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, doch ich kann beim besten Willen keinen Namen für die Männer zuordnen.

Der erste stellt sich als E. Hans vor. Unglaublich, mein "E.", der in der Klasse für die meisten Streiche verantwortlich war.

In meiner Erinnerung taucht ein sommersprossiges Lausbubengesicht mit rotblonden Haaren auf. Das gibt’s doch nicht, denke ich mir, daß ‚der da’ mit den dunklen Haaren "der E." ist.

Der zweite Mann outet sich als Erles, und ist mir gleichermaßen fremd. Doch je länger ich mir die beiden anschaue, umso mehr vertraute Gesichtszüge entdecke ich beim E., und als der Spitzname „Gerles" fällt, klingelt es in meinem Oberstübchen.

(Na ja, soviel zu meiner Selbsteinschätzung, daß ich bestimmt noch alle kenne)

 

Bei den nächsten Ankömmlingen baut sich mein Selbstvertrauen wieder etwas auf. Die Maria schubse ich gleich neben die Christl. Die zwei haben ja schon in der Schulzeit die Köpfe zusammengesteckt. Die Maria erzählt, daß sie noch einen Nachzügler bekommen hat, der jetzt 3 Jahre alt ist. Mein Enkerl ist auch gerade drei und ich zieh sie ein bißchen auf, daß sie sich selbst zur Oma befördert hat. Das passt ihr zwar gar nicht, doch weil sie mein vorlautes Mundwerk kennt und ich es ja nicht böse gemeint habe, beruhigt sie sich wieder.

Mit der Dorli und der Hedi sind die ehemals Unzertrennlichen fast komplett, die Christine trudelt auch schon ein, ebenfalls das „Katzengesicht", von der mir aber partout der Name nicht einfallen will.

Nach längerem Herumfragen bekomme ich endlich die erlösende Auskunft. „Elfriede heißt die", ja genau, wie konnte ich das nur vergessen?

(Ich nehme mir vor, meine Knoblauchperlen wieder regelmäßig zu schlucken)

Jetzt treten auch die Lehrer auf den Plan, angeführt von unserem Klassenvorstand, Frau Fachlehrerin P.. Mein Gott, die Frau schaut noch immer aus wie vor dreißig Jahren. Lockenwicklergestylte, dunkle Haarpracht, Rock, Bluse und die obligate „Omabrille."

(Die heißt so, weil meine Oma mir damals auch solche Brillen verpasst hat. "Eine Brille muß Augenbrauen haben", sagte sie immer.)

Ich stelle mir gerade Frau P. vor; In einem lässig geschnittenen Hosenanzug, einer flotten Kurzhaarfrisur, Marke "Schweizerkracher" und einer randlosen, kleinen Brille. Ein Wahnsinn, uns würden die Augen aus dem Kopf fallen.

(Ich weiß, mein Mundwerk bringt mich noch in Teufels Küche)

 

Herr Fachlehrer H., noch immer eine sportliche Erscheinung und in meinen Augen ebenfalls unwesentlich gealtert, begrüßt uns jovial in die Runde winkend. Last, but not least kommt die P. Heidi, mit Herrn Fachlehrer L. im Schlepptau, wieder ins Kellerstüberl. Herr L. ist zwar unverkennbar, doch irgendwie wirkt er müde und lustlos auf mich. Er verabschiedet sich auch nach relativ kurzer Zeit wieder von unserer geselligen Runde.

 

Plötzlich betreten noch einige ältere Herren den Raum und wir überlegen, welche Lehrer das wohl sein könnten. Einer davon, ein seriös wirkender, schlanker Herr stellt sich kurz darauf als unser Mitschüler A. vor. Der Andere, das totale Gegenteil, fast zwei Meter groß und beleibt, im Schlabberlook mit langen, weißen Haaren, einem Rauschebart und Professorbrille ist unser J. Wolfgang. Den Wolfgang habe ich gleich erkannt, aber nur weil wir vor ein paar Jahren ein Volksschulklassentreffen hatten.

Der R. Johann, der H. Sepperl, der M. Alfons, "Schmolli" und der "kleine Fosi" waren für mein Gedächtnis keine Hürde, jedoch mit einem gewissen Lang und einem G. Reini habe ich mit Sicherheit nicht die Schulbank gedrückt.

 

Zu meiner Verteidigung muß gesagt werden, daß es damals eine Stadt- und eine Landklasse gab. Die ersten drei Jahre waren Buben und Mädchen gemischt, im vierten Jahr wurden wir Landpomeranzen mit den Stadtdamen beehrt, und die Knaben kamen ebenfalls in eine eigene Klasse.

(Ich kann ja nicht alle Burschen kennen, das wäre zuviel verlangt)

Die I. Maria tritt auf, die T. Heidi wirbelt herein, die O. Sissi, die P. Cilli, die B. Christl, die H. Margit, die auch vor kurzem wieder Mutti geworden ist und die „Bauxi" Beatrix: Sie alle sind zu unserem Klassentreffen gepilgert.

Jetzt wird’s gemütlich und von allen Seiten hört man: "Weißt du noch...?, oder "Was machst du jetzt?" Auch mir fallen einige Begebenheiten aus der Schulzeit wieder ein. Das Langzeitgedächtnis funktioniert ab einem gewissen Alter immer besser.

(Habe ich jemanden vergessen? Knoblauchperlen wirken halt nicht so schnell)

Die P. Heidi macht die allgemeine Begrüßung und entschuldigt einige ehemalige Mitschüler, wie die Z. Herta, oder den H. Heli. Manche haben sich angemeldet und sind dann trotzdem nicht erschienen. Bestimmt steckt ein triftiger Grund dahinter, doch ich finde das wirklich schade. Es sind so viele Jahre zwischen unseren Treffen, und wer weiß wie oft wir uns noch gesund und munter wiedersehen können.

(Aufzuzählen, was mir nicht wehtut, geht schneller)

Frau P. hat unsere alten Fotos rausgesucht, vom H. Sepperl auf A4 vergrößern lassen, sich die alten Schülerlisten vom Archiv der Hauptschule besorgt und alles schön in einem Ordner zusammengefasst. So konnten wir die Gesichter auch ohne Brillen gut erkennen. 37 Mädchen in der Vierten, die Buben nur unwesentlich weniger, und alle jung und schön – jetzt sind wir nur noch schön.

(alt)

 

Besonders interessant finde ich jedesmal die Erzählungen, wie es den Einzelnen so ergangen ist. Der Sch. Herbert läßt sich zur Zeit zum Diakon ausbilden, die T. Heidi wurde gerade glücklich geschieden, der E. Johann arbeitet bei einer Montagefirma und gondelt in der ganzen Welt herum.

Wenn ich es richtig mitgekriegt habe sieht sich der A. für gebrochene Herzen zuständig und ist Leiter der Kardiologie im Krankenhaus Steyr.

Die I. Maria ist Leiterin des Frauenhauses St. Pölten und wohnt schon sehr lange in Wien, was man auch sofort bemerkt. Ich behaupte nicht, daß sie sich zu ihrem Nachteil verändert hat, aber unsere "Mary" ist in der Versenkung verschwunden.

(Die "Pumsti" meinte dazu treffend: "Wien ist anders!")

Ein paar von uns haben sich selbständig gemacht, wie zum Beispiel der H. Sepperl, (P. in Schwanenstadt) der J. Wolfgang, (irgendwas mit Metallbau, er meinte: „Vorsicht bei der Brigittenauerbrücke!") der Sch. Herbert, (Ichtys, Managementberatung) der H. Heli, (Wintergärten usw.) die Z. Herta, (Schriftkunst) der "Fosi" , (hat sein Mundwerk genützt und redet sich wegen irgendwas um Kopf und Kragen) der Fußballfan G. Reini, (mit verschiedenen Gasthäusern) obwohl er immer noch nicht Maschinschreiben kann. 

Unter allgemeinem Gelächter erläuterte er uns seinen Kampf mit dem Pappendeckel, den wir uns vor die Brust hängen mußten. Frau P. gestand so nebenbei, daß auch sie von unserem Maschinschreibunterricht geschädigt war. Durch das laute Vortragen des monotonen "asdf und jklö" mußte sie eine Zeitlang bei ihrer Liedertafel w.o. geben.

Der Schmolli ist Lokführer geworden und alle fragten gleich, ob er bald in Pension gehen kann. Das war ihm ziemlich peinlich und er murmelte irgendwas von "höheren Pensionsbeiträgen bezahlen und keine Abfertigung bekommen....!"

Der M. Alfons erzählte ganz aufgeregt, daß er im März "OPA" wird und sich schon sehr darauf freut. Ich habe die Bilder von seinen drei Mädels gesehen, "alle Achtung!"

Der Großteil von uns wurde mit Nachwuchs gesegnet. Als Beispiel fällt mir dazu die S. Barbara ein. Nach einem Missionsjahr in Afrika hat sie mit vier Mädchen und einem Buben vorbildlich für die Aufrechterhaltung des Schulbetriebs und unseres Pensionssystems gesorgt.

In Ermangelung eines abschreckenden Beispiels haben einige den Lehrerberuf ergriffen und bestätigten einhellig, daß wir in unserer Hauptschule auf hohem Niveau unterrichtet wurden. Besonders in Englisch waren wir den Kollegen an den weiterführenden Schulen um eine Nasenlänge voraus.

(Ich bin total stolz auf uns. Frau P. auch, glaube ich)

Genug jetzt mit der Lobhudelei. Was haben wir damals so angestellt?

Je länger wir beisammensitzen, umso mehr Schandtaten fallen mir ein. Beispielsweise der Kochunterricht bei Felicitas A.. Schrecklich ihr Gekreische und die extra langen Fingernägel. Der T. Heidi hat so gegraust, daß sie sich bis heute keine langen Nägel wachsen läßt.

Die Co-Produktion R/T von faschierten Laibchen, versetzt mit Abführmittel, war der Überhammer. Irgendwie sind dann die präparierten Dinger durcheinandergeraten, daß alles mit Todesverachtung aufgegessen werden mußte, da die T. Heidi immer die Reste für ihren Vater in einem Nylonsackerl zusammenpackte.

(Herr Fachlehrer T. war immer ganz versessen auf unsere Kochkunstreste)

Herr H. erinnert sich besonders an die Miniröcke der Felicitas. Typisch! Er erzählte aber auch, daß die Felicitas A. einiges durchmachen mußte.

Felicitas und ihr Mann hatten Gäste zum Essen eingeladen und Herr A. verschluckte sich. Er ging in die Küche um sich ungestört aushusten zu können. Nach einer Weile schaute Frau A. nach ihm und fand ihn, bewußtlos am Boden liegend, vor. Bis er reanimiert werden konnte war sein Gehirn schon einige Minuten ohne Sauerstoff gewesen. Er saß danach geistig und körperlich behindert im Rollstuhl und seine Frau pflegte ihn zehn Jahre bis zu seinem Tod.

Am lustigsten waren immer unsere Schikurse auf der Breitfuß Hütte in Saalbach/Hinterglemm. Nichts, außer einem 50 Meter langen Schlepplift und viel tiefverschneiter Gegend, und das irgendwie am A.... der Welt.

Unsere Jausenpakete hatten wir schon am zweiten Tag weggefuttert, nur Freddykekse und Leberstreichwurst sind übriggeblieben. Wir haben sie trotzdem genüßlich verspeist.

(Schmeckt mir auch heute noch)

Mitternachtsjause bei den Buben war auch sehr beliebt, weil Verbotenes hat uns sehr gereizt und unsere Aufpasser stellten kein unüberwindbares Hindernis dar. Aber das Beste war Schifahren mit Uraltbretteln. Zuerst die Piste selbst austreten, dann die Abfahrt.

Die St. Roswitha das erste Mal auf Schiern. Ein Bild für Götter. Sie hat die Schier abwärts gestellt und in Kamikazemanier Fahrt aufgenommen. Ich hör´ noch den Lehrer H. schreien: „Setz di nieda, setz di nieda!" Aber da hat die Roswitha schon unten im Bach gebadet.

Fachlehrer H. erzählt, daß der Winterdienst unten an der Straße mit der Schneefräse eine richtige Wand aufgestellt hat. Von unserer Seite hat es ausgesehen wie eine Sprungschanze. Er hat das natürlich in der Mittagspause sofort ausprobieren müssen, ob man vielleicht übers Bacherl und die Straße springen kann.

Am Nachmittag sind schon die Buben über die Sprungschanze gefahren. Sein Kommentar: "Heute würdens mich einsperren!" Ich tröste ihn damit, daß heute kein Schüler, geschweige denn ein Lehrer, auf der Breitfußhütte einen Schikurs abhalten würde.

(Ich meine den Kindern und Lehrern heutzutage entgeht was:  "Kameradschaft!")

Jetzt zu unserer Wienwoche im Februar 1970. Bepackt mit einem Koffer, bewacht von Frau P. und Frau Lang fuhren wir mit dem Zug nach Wien. Während der Fahrt erfuhr Frau P., daß wir die Möglichkeit haben uns die „Eisrevue" anzuschauen. Wir müßten aber gleich vom Bahnhof Wien-West zum Eisstadion fahren, weil es der letzte Tag der Eisshow war. Natürlich machten wir von diesem Angebot Gebrauch, besonders als wir erfuhren, daß im Februar der Prater zugesperrt ist.

(d.h. Prater zu = in Wien "tote Hose")

Also stürmten wir die Zugtoiletten um uns umzuziehen, schminken, frisieren usw. Ich war damals so begeistert von der "Eisrevue", daß ich 20 Jahre später "Holiday on ice" enttäuschend fand.

Wir besichtigten Kirchen, Museen, das Parlament, überall hin brachte uns die Straßenbahn, kreuz und quer durch Wien. U-Bahn glaube ich gab es damals noch keine. Ein Theaterstück sahen wir uns an und zwar „Die geschiedene Frau", und die Oper "Der Freischütz". Letztere war eine fade Angelegenheit bis die ersten Schüsse fielen. Ich war so erschrocken, daß ich fast aus dem Sessel fiel.

Der E. sagte, daß es ihm genauso ergangen ist.

 

Doch das nervenaufreibendste in der Wienwoche war Frau Fachlehrerin Lang. In der Früh machte sie unsere Zimmertüren leise auf und dudelte auf ihrer Blockflöte "Wachet auf, wachet auf, es krähte der Hahn!" Die zweite Strophe sang sie dann. Eigentlich johlte sie, und das auf leeren Magen. Entsetzlich! Anschließend kontrollierte sie die Zimmer, ob alle aus den Federn gefunden haben.

Diesen Kontrollgang haben wir ihr aber einmal gründlich vermiest. Ich glaube die H. Annemarie und ich haben uns nackt ins Bett gelegt, die Nachthemden bis zum Hals raufgezogen und dann schlafend gestellt. Nach dem allmorgendlichen Gejaule hat Frau Lang uns die Tuchent mit Schwung weggezogen und ist bei unserem Anblick prüde errötend und wortlos aus dem Zimmer gestürzt.

(Abgedeckt hat sie die ganze Woche niemanden mehr.)

Ebenfalls nervtötend war ihre ewige Abzählerei. An jeder Straßenecke, beim Einsteigen und beim Aussteigen aus der Straßenbahn mußten wir in Zweierreihe antreten. Sie hatte solche Angst, daß eine von uns entführt und eventuell an einen reichen Scheich verscherbelt werden könnte.

(Naja, Schwamm drüber, die Wienwoche ist mir in guter Erinnerung geblieben)

Zum Schluß möchte ich über eine besondere Lebenseinstellung einer Mitschülerin berichten. An schlechten Tagen, wenn mir alles mißlingt oder irgendein Problem mit meinen Kindern habe, denke ich an die K. Christl.

Sie ist Land- und Gastwirtin in Vorchdorf und sagt über sich: "Wir sind gesund, ich habe einen guten Mann und brave Kinder. Was will ich mehr!"

 

ICH BIN GLÜCKLICH UND ZUFRIEDEN

Klassenfoto 1970 Unser Klassentreffen 1995 bei unserer Hauptschule in Schwanenstadt. Wir haben uns fast so aufgestellt wie auf unserem Klassenfoto anno 1970