Ich war im Februar 1995 drei Wochen auf Kur im Linzerheim in Bad Schallerbach. Es war gerade Faschingdienstag als wir endlich "abrüsten" durften und mir fielen kurz vorher diese paar Zeilen ein.

Sie beschreiben ziemlich genau den Frust, den wir alle nach diesen Karotten- und Körndlwochen verspürten.

Die Karottenburg

Ein Karotterl gibts in diesem Haus,
die Frau kennt sich vorzüglich aus -
mit Cholesterin und Margarinen,
Gemüse, Tee und Vitaminen,
Salate, Brot und Vollkornreis,
unglaublich, was sie alles weiß.
All die guten, sauren Sachen,
will sie uns nun madig machen.
Wie zum Beispiel Essigwurst,
und das Bierchen für den Durst.
Torten, Speckbrot, Most und Wein,
bitte, bitte, laßt das sein!
Und so darben wir drei Wochen,
essen nur, was DIE uns kochen.
Am Montag ist Gewichtskontrolle,
das spielt ab jetzt die größte Rolle.
Doch am Dienstag gehts nach Hause,
dann gibts erstmals eine Jause.
Nach drei Wochen hab ich gnuag -

"Auf Nimmerwiedersehen - Karottenburg!"

Als wir 3 Wochen vorher in das frisch renovierte Linzerheim einzogen, waren wir alle voll begeistert von diesem Kurheim.  Sehr schöne Einzelzimmer mit Dusche und WC, ein großer Fersehraum, eine Kaffee- und Teebar und beim ersten Mittagessen standen Wiener Schnitzel auf dem Speiseplan. Alles super, dachten wir.

Naja, Fleisch sahen wir erst am Rosenmontag, in Form von einem Wassergulasch, wieder. Dazwischen gab es hauptsächlich Salate, Gemüse und vor allem Karotten in allen Variationen. Hie und da gab´s ein bisschen gekochten Fisch dazu. Die Gerichte waren entweder zu Brei zerkocht, roh oder als Auflauf, und immer nur mit Kräutern gewürzt. Die Suppen hatten kein einziges Auge, mit dem sie dich anschauen konnten. Nur Gemüsebrühe mit ein paar Karottenwürfeln drinnen.

Wer jetzt denkt, ich hätte Schonkost oder irgendeine Diät gekriegt.........Weit gefehlt. Das war zwar kalorienreduzierte aber normale Kost, die alle bekamen. Den Spindeldürren pappten sie halt einen Schöpfer mehr aufs Teller. Salz, Pfeffer und Maggi gehörten nach einer Woche zur Grundausstattung jeder Handtasche.

Dazu gab´s dreimal die Woche einen Vortrag über eine Ernährungsumstellung und Kochkurse. Sogar Filme wurden hergezeigt. Über die Herstellung von Ketchup und Packerlsuppen(ach wie ungesund) und wie grausig das Fleisch auf den menschlichen Organismus wirkt. ---Echt da brauchst einen guten Magen.

Als meine Kurgefährtin und ich auf Gewürzeinkaufstour gingen und gierig den Duft des aufgehängten Geselchten einsogen, lachte der Seniorchef des kleinen Geschäftes mitleidig und sagte: "Ach, ihr Armen seids sicherlich in der Karottenburg einquartiert!" Das Linzerheim war sozusagen "Schallerbachbekannt", doch wir verkniffen uns jedweden Zukauf von nahrhafteren Nahrungsmitteln.

Wir hatten jedenfalls alle furchtbare Blähungen vom täglichen Kohlgemüse und  den Kümmelorgien, der scheinbar das einzige Würzmittel war, den die Köche verwenden durften. Von unseren Abgasen hätte man ganz Schallerbach erleuchten können. Mit dem Lift fahren war nur möglich, wenn man bis zum 3. Stock die Luft anhalten konnte, weil der Vorgänger, sofern er allein im Lift gefahren war, sicher "abgegast" hatte.

Bettruhe war um 21 Uhr und wir mußten in unseren Zimmern verschwinden. Zusätzlich wurden in jedem Stock die Türen ins Stiegenhaus versperrt. Man konnte nicht einmal am Gang noch ein bisschen miteinander quatschen. Ob einer aus dem Zimmerfenster eine hinausraucht wurde ebenfalls streng kontrolliert und hätte einen Rausschmiss zur Folge gehabt. Im Zimmer waren Rauchmelder installiert, vor denen sie uns gleich zu Kurbeginn gewarnt hatten. Die lösen bei der kleinsten Kleinigkeit stillen Alarm aus und die Feuerwehr rückt aus.

Für einen  Kampfraucher wie mich natürlich qualvoll, genauso wie die Matratze. Mensch, die war hart wie ein Brett. Nach einigen schlaflosen Nächten hab ich dann das Bett zerlegt und bin draufgekommen, daß der Lattenrost verkehrt eingebaut und noch dazu auf extra hart gestellt war. Hinterher war die Liegerei einigermaßen erträglich, doch da hatte ich schon einen juckende Hautallergie vom Schwefelwasser, die mich nicht schlafen ließ.

Eine Leidensgenossin versorgte mich dann mit spitzenmäßigen Schlaftabletten, mit denen ich von 21 Uhr bis 6 Uhr früh regelrecht ins Koma fiel. (welch eine Erlösung)

Als dann am Rosenmontag das Wassergulasch serviert wurde, glaubte ich schon, daß mein Magen Fleisch und Paprika nicht mehr verträgt. Mir war so schlecht und schwindlig hinterher, daß ich die Krankenschwester aufsuchte. Sodapulver, das sie mir gab half aber nicht. Ein paar Stunden später fuhr ich mit dem Lift nochmal zur Kurschwester. Beim Aussteigen hat´s mich dann umgemäht. Jedoch nicht wegen der kurinternen Gasproduktion, sondern wegen des zu hohen Blutdrucks. 270 zu 160 hab ich zusammengebracht und der eiligst herbeigerufene Kurarzt war ein richtiger Scherzkeks. Er studierte kopfschüttelnd meinen Kurplan und meinte lakonisch: "Um Himmels willen, Sie haben ja 12 verschiedene Strom- und Wasseranwendungen pro Tag verschrieben gekriegt. Wieso haben Sie denn nichts gesagt?"

Ja, bin ich Jesus? Woher soll ich wissen, daß das zuviel des Guten ist? Mich sieht jedenfalls die "KAROTTENBURG" nicht wieder.