Liebe Freunde, Bekannte und Panoptikumgucker!

Ich gehöre ja nicht mehr zu der Altersklasse, die mit geröteten Wangen und glänzenden Augen den Christbaum betrachten, daher versetzt mich der Anblick meiner Enkerl oft in die Zeit, als ich noch ganz zappelig auf das Christkind wartete.
Gerade in den Weihnachtstagen denke ich oft an meine Lieben, die nicht mehr unter uns sind, an kleine Missgeschicke, die in der Vergangenheit passiert sind, oder an besonders schöne und gemütliche Weihnachtsabende.

Die Geschichte, die ich heuer ausgesucht habe, gibt genau dieses warme Gefühl eines lieben Andenkens wieder und ich hoffe, dass sie euch ebenso berührt wie mich.

In diesem Sinne wünsche euch allen fröhliche und sorgenfreie Festtage.

Eure Medulinka

Azalee

 

Der Himmels - OPA

Eine Geschichte von Sonja Piestracher, einer Leserin der Kronen-Zeitung

Liebes Christkind! Ich bin mir sicher, dass du mich kennst - ich bin's, die Maria von der Familie Berger.

Heuer bin ich leider traurig, und darum schreibe ich noch lieber an dich, weil du mich sicher verstehst. Mein Opa ist vor ein paar Wochen zum lieben Gott in den Himmel gegangen. Einfach so und ohne vorher was zu sagen. Dabei hab ich meinen Opa so gern und vermisse ihn. Er hat immer die tollsten Geschichten erzählt. Auch Süssigkeiten - sind die im Himmel eigentlich verboten? - habe ich von Opa bekommen. Wenn ich ihm was erzählt hab, dann hat er immer lächelnd zugehört. Weil er mich einfach verstanden hat. Seine Augen haben mich so toll angeschaut und die Falten drumherum haben mich überhaupt nich gestört. ich bin ganz traurig, dass Opa weggegangen ist..... Mama sagt, dass er jetzt glücklich im Himmel ist, aber das glaube ich nicht. Er hat immer so gefühlt wie ich, und ich bin ja auch nicht glücklich.

Liebes Christkind! Darum habe ich heuer nur einen wirklichen Wunsch. Ich mag mit dem Handy den Opa anrufen. Ganz geheim. Wahrscheinlich hätt' er eh schon angerufen, aber er mag Handys nicht. Nicht einmal seine eigene Nummer hat er sich merken wollen, dabei ist sie eh so einfach. Ich muss direkt lachen, wenn ich daran denke, wie er sich immer geschreckt hat, wenn es plötzlich geläutet hat und immer lauter geworden ist.

Dann war ihm das Handy auch zu klein. Opa hatte so starke grosse Hände, Hände zum Auffangen und Tragen. Ich bin mir aber sicher, dass Opa mit mir reden will, wenn du die Nummer für ihn wählst. Nach dem Essen und Geschenke auspacken geh ich sofort ins Bett und leg mich unter die Decke. Und warte auf den Anruf. Ich verrate dich nicht und verspreche auch, nicht zu lange zu telefonieren. Ich weiss, dass alle sparen müssen. Vielleicht schickst du mir mit dem Opa ein SMS, das wäre billiger. Du kennst doch SMS? Blödsinn, du bist es ja, die Computer, Gameboys und Handys verschenkt. Bitte gib dem Opa gleich jetzt ein dickes Bussi von mir und sag ihm, dass ich ihn liebe hab, egal, wo er gerade ist.

Und dann hab ich noch eine Frage: Bist du wirklich ein Kind? So wie ich? Ganz verstehen tue ich das nämlich nicht. In der Schule hat die Frau Lehrerin gesagt, dass das Christuskind in der Weihnachtsnacht zur Welt kommt. Wie kannst du dann jetzt schon herumfliegen und Geschenke verteilen? Heisst du eigentlich "Jesus" oder "Christkind" oder gibt es euch beide? In der Schule beten wir das "Vater unser im Himmel". Ist da Jesus oder der liebe Gott gemeint? Oder ist dein Papa der liebe Gott? Wenn Jesus aber dein Papa ist, dann ist der liebe Gott dein Opa. Dann verstehst du mich und meinen Wunsch noch besser. Ich frage Opa einfach alles, wenn er anruft. Deine Maria.

In der Weihnachtsnacht wunderten sich die Eltern, als Maria fast darauf drängte, ins Bett gehen zu dürfen. Die Mutter machte sich gleich Sorgen, ob sie nicht krank wird. Aber Maria hatte es bloss eilig, unter die Decke zu schlüpfen, ihr Handy fest in der Hand...

Die Zeit vergeht, Marias Augen sind quälend müde und drohen zuzufallen. Da passiert's: Es läutet und läutet und läutet. Maria findet den Knopf nicht, richtet sich auf und sucht und drückt, da merkt sie, dass sie - schwebt! Da steht plötzlich ein Mann vor ihr, mit langem, weissen Bart und denselben gutmütigen augen wie der Grosspapa. Der liebe Gott? Maria stottert: "Mein Opa, das Telefon, der Knopf, im Finstern, ich konnte nicht...

Liebevoll reicht der liebe Gott Matria die Hand und führt sie in ein Nebenzimmer. Dort sitzt Opa, lächelnd wie immer, und streckt die Arme aus. Maria lässt sich ganz fest drücken und hört Opa flüstern: "Mariechen, egal, wo ich bin, ich hab dich lieb und bin immer bei dir!" Maria schaut lange und glücklich in die so vertrauten liebevollen Augen von Opa.....Opa? Denn jetzt sind es plötzlich Papas Augen, mit dem gleichen Glanz und der Wärme. Und Papa sagt: Mein Schatz, dein Handy. Es hat geläutet und geläutet und es wollte gar nicht mehr aufhören!"

Marias Augen glänzen und sie umarmt ihren Papa ganz fest. Und sie weiss - Opa ist glücklich im Himmel und er ist auch bei ihr - in Papas Augen.

Fast unhörbar flüstert sie: "Danke liebes Christkind!"