Meine unheimliche Begegnung mit der "Hobangoass"

 

Weihnachten 1981, am Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezembers. Wir steckten mitten in den Vorbereitungen für den Heiligen Abend und waren schon völlig genervt.

Meine Mädels, fünf und zwei Jahre alt, waren total aufgeregt in der Wohnung herumgehüpft, weil ja heute das Christkind kommt. Nur mit Mühe konnte ich die zwei nach dem Baden zu einem Schläfchen im Kinderzimmer überreden.

In der Zwischenzeit stellte mein Mann den Baum auf. Als er das Netz von der riesigen Blaufichte runterschnitt und sich die äste ausbreiteten, war das Wohnzimmer von einer Wand zur anderen mit "Baum" ausgefüllt.

(Als wir ihn umschnitten, sah er gar nicht so wuchtig aus)

Das auch noch. Das Unweigerliche, "ich hab's dir doch gesagt, dass der zu gross ist", musste mein Mann natürlich auch noch anbringen.

 

Kurzerhand nahm ich die Rosenschere und stutzte die äste einen halben Meter zurück. An der Rückseite des Baumes wurde auch einiges wegbegradigt, ein starker Haken in die Wand geschlagen, der Baum angebunden und mit einem schwarzen Filzstift die Schnittstellen angemalt.

Schaut ja gar nicht schlecht aus und riecht wie 'mitten im Wald'.

 

Während wir den Christbaum aufputzten fragte mich mein Mann: "Sag mal, hast du eigentlich noch Wäsche am Dachboden hängen?"

"Ja, natürlich!" antwortete ich darauf. "Du hast doch gesehen, dass ich alle Betten frisch bezogen habe. Wo glaubst denn du, wohin die drei vollen Wäschekörbe verschwunden sind?

Komisch. Normalerweise interessierte ihn die Wäsche nur, wenn er keine Unterhosen oder Socken mehr im Kasten finden konnte.

 

"Ja, dann musst du aber die Wäsche wieder runterholen" meinte er kurz darauf. Ich schaute ihn ungläubig an: "Wieso sollte ich sowas Verrücktes tun? Es ist sicher noch nichts trocken."

 

"Meine Mama hat immer gesagt, dass in den Rauhnächten keine Wäsche auf der Leine hängen darf. Weil da kann dann die "Hobangoass" nicht durch und hängt sich auf!" - fügte er noch hinzu.

Ich fasste es nicht, schon wieder so eine Regel von seiner Mama. Sie hatte einige solche Sachen auf Lager, von denen ich mein Lebtag noch nichts gehört hatte.

(Na, jedenfalls steig ich heute sicher nicht mehr in den blöden Dachboden hinauf.)

Irgendwie war ich aber jetzt doch neugierig geworden und wollte wissen, was an dem komischen Brauch dran war.

"Wer oder was ist die "Hobangoass" und was passiert, wenn ich die Wäsche hängen lasse?"

"Naja, ich weiss auch nicht genau was die "Hobangoass" ist, an sowas muss man eben nur glauben, und aufgehängte Wäsche bringt Unglück. Es heisst halt, dass sich im nächsten Jahr jemand aus der Verwandtschaft oder im Freundeskreis aufhängt", antwortete mein Mann.

 

Mittlerweile waren wir fertig geworden mit unserem Christbaum. Schön sah er aus. Alles hatten wir raufgehängt, angefangen mit Strohsternen, selbstgemachten Wachsfiguren, Kugeln in allen Farben und Formen, bunte Lichterketten, Lametta und einem beleuchteten Stern auf der Spitze. Richtig kitschig. Genauso mag ich es.

 

Der Gedanke an die "Hobangoass" und die Wäsche hatte mich aber nicht losgelassen.

"Weisst du was", sagte ich zu meinem Mann, ich hol die Bettwäsche doch lieber vom Dachboden runter. Auch wenn es ein ausgemachter Blödsinn ist, aber ich will nicht schuld sein, wenn nächstes Jahr irgendwas passiert."

 

Ich stapfte also missmutig die drei Stockwerke hinauf. Ich hasse diesen  Dachboden. Schon der muffige Geruch allein dreht mir den Magen um. Dann noch die steile Holzstiege, bei der alle Stufen knarren und man den Wäschekorb über Kopf tragen muss, weil sie so eng ist. Eine "Funzel", die sich grossartig Licht nennt, erhellte den riesigen Dachboden. Der Wind fauchte durch die Ritzen und meine Wäsche bewegte sich gespentisch im Schein der nackten 20 Watt Glühbirne.

Irgendwie war mir gruselig zumute, als ich die ersten Wäschestücke von der Leine nahm. Plötzlich verfing sich etwas in meinen Haaren. Ich schrie auf und riss in meiner Panik alle Wäschestücke regelrecht von der Leine, dass die Klupperl nur so durch den Dachboden flogen. Den Wäschekorb liess ich stehen und hetzte, wie von Furien gejagt, die enge Dachbodentreppe runter.

Keuchend und fast weinend stand ich kurz darauf in unserem Wohnzimmer und erzählte meinem Mann von meinem unheimlichen Erlebnis mit der "Hobangoass"!

Hobangoass

Wahrscheinlich wars ja eine Fledermaus, die mich so erschreckt hat. Jedenfalls, ICH hänge seither in den Rauhnächten keine Wäsche auf, und sei's nur, weil ich an keinem Unglück schuld sein will.

 

Das sind Rauhnächte, an die ich mich halte:

24. Dezember, Hl. Abend 31. Dezember, Silvester 2. Februar, Lichtmess 1. November, Allerheiligen